Was „lebensmittelsichere Glasur" wirklich bedeutet — und warum es wichtiger ist, als man denkt

Wer handgemachte Keramik zum Essen und Trinken verwendet, hat wahrscheinlich schon den Begriff „lebensmittelsichere Glasur" auf einem Töpferstück. Das klingt beruhigend. Es ist so gemeint. Doch der Abstand zwischen dem, was diese Formulierung impliziert, und dem, was sie tatsächlich garantiert, ist erheblich — und es lohnt sich, ihn zu verstehen.

Dieser Artikel erklärt, was das Schweizer und europäische Recht tatsächlich verlangt, was es nicht abdeckt und warum Tests weit über die blosse Rechtseinhaltung hinausgehen.

Was das Gesetz sagt — und was es nicht sagt

In der Schweiz ist keramisches Geschirr durch Rechtsvorschriften geregelt, die an die europäische Richtlinie 84/500/EWG angelehnt sind. Diese Richtlinie legt Migrationsgrenzen für zwei Metalle fest: Blei und Cadmium.

Das ist alles. Zwei Elemente — von Dutzenden, die in Keramikglasuren vorhanden sein können.

Für diese beiden Metalle gelten spezifische Höchstwerte je nach Objekttyp — eine Tasse, ein flacher Teller, eine grosse Schüssel. Wenn ein Stück diese Grenzwerte einhält, kann es legal verkauft werden. Wenn ein Hersteller eine gebrauchsfertige Industrieglasuralsuretals als „lebensmittelsicher" kennzeichnet, bedeutet das, dass diese beiden Elemente innerhalb der gesetzlichen Grenzen liegen.

Nicht mehr.

In der Schweiz gibt es keine gesetzliche Migrationsgrenze für: Kobalt, Arsen, Barium, Chrom, Bor, Quecksilber, Lithium, Rubidium, Selen, Strontium, Nickel oder Zink — unter anderem.

Diese Elemente sind in vielen handelsüblichen Glasuren vorhanden. Sie können in Lebensmittel und Getränke migrieren, die mit Keramikoberflächen in Kontakt kommen, insbesondere wenn dieser Kontakt säurehaltige Lebensmittel wie Essig, Tomaten, Zitrusfrüchte, Wein oder Kaffee umfasst. Und da keine gesetzliche Grenze für sie festgelegt wurde, besteht keine Pflicht zum Testen, Offenlegen oder Einschränken ihrer Migration.

Warum testen verschiedene Länder verschiedene Elemente?

Die Unterschiede innerhalb Europas sind auffällig. Wie Joëlle Swanet — eine der führenden Spezialistinnen für Keramikglasurchemie im französischsprachigen Raum — in ihrer Arbeit dokumentiert hat: Belgien testet nur Blei und Cadmium. Frankreich ergänzt Kobalt, Aluminium und Arsen. Österreich schließt Antimon, Zink und Barium ein. Finnland überwacht Chrom und Nickel. Die Niederlande führen die umfassendste Liste — zusätzlich zu Blei und Cadmium werden Kobalt, Arsen, Barium, Chrom, Bor, Quecksilber, Lithium, Rubidium, Selen und Strontium erfasst.

Dieselbe Glasur. Dieselbe Tasse. Unterschiedliche Schutzniveaus — je nachdem, wo man zufällig lebt.

Diese Inkonsistenz spiegelt einen laufenden Regulierungsprozess wider und keinen wissenschaftlichen Konsens, dass die nicht aufgelisteten Elemente sicher wären. Die Europäische Kommission arbeitet seit über einem Jahrzehnt an einer überarbeiteten Richtlinie mit Vorschlägen zur erheblichen Erweiterung der Liste der zu testenden Elemente. Bisher ist die Überarbeitung jedoch nicht abgeschlossen.

Das Problem mit „lebensmittelsicheren" Industrieglasuren

Wenn ein Töpfer eine gebrauchsfertige Industrieglasuralsuretals kauft, die als „lebensmittelsicher" gekennzeichnet ist, arbeitet er mit einem Produkt, das so formuliert wurde, dass es die gesetzlich vorgeschriebenen Blei- und Cadmiumgrenzen einhält. Das ist eine echte Garantie — und das ist nicht nichts.

Aber es bedeutet nicht, dass die Glasur auf Arsenemigration getestet wurde. Oder auf Bor. Oder auf Nickel. Oder auf Zink. Die Kennzeichnung gibt Auskunft über das, was das Gesetz verlangt. Das Gesetz verlangt sehr wenig.

Das ist keine Kritik an den Herstellern. Es ist lediglich eine Beschreibung dessen, was rechtliche Konformität in diesem Kontext derzeit bedeutet.

Was ein unabhängiger Test wirklich umfasst

Ein umfassender Glasurmigrationstest geht weit über das gesetzliche Minimum hinaus. Das Standardverfahren besteht darin, eine glasierte Keramikprobe in einer 4%igen Essigsäurelösung — die sauren Lebensmittelkontakt simuliert — bei Raumtemperatur 24 Stunden lang zu tauchen. Die Lösung wird dann mittels ICP-MS (Massenspektrometrie mit induktiv gekoppeltem Plasma) analysiert, einer hochempfindlichen Methode, die Spurenmengen zahlreicher Elemente nachweisen kann.

Ein vollständiger Test dieser Art analysiert die Migration von 30 Elementen gleichzeitig — nicht nur zwei. Wenn das Ergebnis für alle getesteten Elemente keine nachweisbare Migration zeigt, ist das eine wesentlich andere Aussage als „innerhalb der gesetzlichen Grenzen für Blei und Cadmium".

Warum die aktuellen gesetzlichen Grenzwerte ebenfalls veraltet sind

Es gibt eine weitere Komplikation. Die in der Richtlinie von 1984 festgelegten Migrationsgrenzen für Blei und Cadmium wurden nicht aktualisiert, um dem aktuellen toxikologischen Wissensstand Rechnung zu tragen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) wies bereits 2005 darauf hin, dass die bestehenden gesetzlichen Grenzwerte für Blei überschritten werden könnten und dennoch technisch konform wären — und dass die Grenzwerte um einen Faktor von bis zu 400 gesenkt werden sollten, um dem zu entsprechen, was heute als akzeptable Exposition gilt.

Die Grenzwerte wurden nicht geändert.

Das bedeutet, dass ein Keramikstück das geltende Recht einhalten und dennoch Mengen an Blei oder Cadmium freisetzen kann, die die moderne Gesundheitswissenschaft für den regelmässigen täglichen Gebrauch als unangemessen einstufen würde.

Warum die Formulierung aus Rohstoffen alles verändert

Genau deshalb formuliere ich jede Glasur bei Clay & Tao aus Rohstoffen — und deshalb ist die Ausbildung, die ich bei Joëlle und Eric Swanet erhalten habe, in diesem Zusammenhang so entscheidend. Eine Glasur ist Glas. Wenn die chemische Formel instabil ist, wird das Glas im Laufe der Zeit zunehmend degradieren — auch wenn es direkt aus dem Ofen fest erscheint. Mit jeder Verwendung, jedem Kontakt mit sauren Lebensmitteln, jedem Wärmezyklus verschlechtert sich die Oberfläche ein wenig weiter. Migration geschieht nicht auf einmal: Sie akkumuliert sich langsam und unsichtbar über Monate und Jahre des regelmässigen Gebrauchs.

Wenn man wirklich versteht, wie Glasurchemie funktioniert — die Wechselwirkungen zwischen Oxiden, die Proportionen, die Stabilität erzeugen, das Verhalten einer Formel bei Temperatur — ist es möglich, eine Glasur zu formulieren, deren Struktur so robust ist, dass nichts migriert, unabhängig davon, welche Elemente in der Zusammensetzung vorhanden sind. Das Ziel ist nicht, bestimmte Elemente zu vermeiden. Es ist sicherzustellen, dass das im Ofen gebildete Glas vollständig geschlossen ist — und es über die gesamte Lebensdauer des Stücks bleibt.

Jede Glasur bei Clay & Tao wird unabhängig auf 27 Elemente getestet. Nicht um zu überprüfen, dass die Migration innerhalb der gesetzlichen Grenzen bleibt — sondern um zu bestätigen, dass keine vorhanden ist.

Blei · Cadmium · Quecksilber · Arsen · Antimon · Barium · Beryllium · Wismut · Bor · Chrom · Kobalt · Kupfer · Nickel · Zink · Zinn · Aluminium · Eisen · Mangan · Molybdän · Selen · Strontium · Vanadium · Titan · Thallium · Uran · Silber · Gold · Lithium · Rubidium · Cäsium

Was das in der Praxis bedeutet

Wenn Sie regelmässig handgemachte Keramik verwenden — für Ihren Morgenkaffee, zum Kochen, für tägliche Mahlzeiten — ist es vernünftig, wissen zu wollen, was getestet wurde und was nicht. Einige sinnvolle Fragen:

  • Wurde die Glasur von einem unabhängigen Labor getestet?

  • Wie viele Elemente wurden getestet?

  • Zeigen die Ergebnisse null Migration oder nur die Einhaltung gesetzlicher Grenzwerte?

  • Kennt der Töpfer die Zusammensetzung seiner Glasuren?

Das sind keine alarmistischen Fragen. Es sind die Fragen, die ein aufmerksamer Verbraucher vernünftigerweise über jedes Material stellen könnte, das regelmässig mit Lebensmitteln in Kontakt kommt.

Quellen

  1. Europäische Kommission — Überarbeitung der EU-Vorschriften für Lebensmittelkontaktmaterialien (Keramik und Glas) food.ec.europa.eu/food-safety/chemical-safety/food-contact-materials/revision-eu-rules_en

  2. EUR-Lex — Zusammenfassung der Richtlinie 84/500/EWG über Keramikgegenstände in Kontakt mit Lebensmitteln eur-lex.europa.eu/EN/legal-content/summary/ceramic-objects-in-contact-with-foodstuffs.html

  3. Europäisches Parlament — Parlamentarische Anfrage E-10-2025-000380 zu Blei und Cadmium in Keramik, Glas und emailliertem Geschirr (2025) europarl.europa.eu/doceo/document/E-10-2025-000380_EN.html

  4. Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) — Stellungnahme Nr. 043/2020: Keramikgeschirr — BfR empfiehlt niedrigere Freisetzung von Blei und Cadmium bfr.bund.de/cm/349/ceramic-crockery-bfr-recommends-lower-release-of-lead-and-cadmium.pdf

  5. Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) — Stellungnahme Nr. 023/2005: Blei und Cadmium aus Keramik bfr.bund.de/cm/349/lead_and_cadmium_from_ceramics.pdf

  6. Benelux-Union — Amtsblatt 2024/2: Beschluss über Migrationsgrenzen für Blei und Cadmium in keramischen Lebensmittelkontaktmaterialien benelux.int/wp-content/uploads/2024/12/Bulletin-2024-2-FR.pdf

  7. Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) — Geschirr und Küchenutensilien blv.admin.ch/blv/fr/home/gebrauchsgegenstaende/materialien-in-kontakt-mit-lebensmitteln/geschirr-und-kuechenutensilien.html

Die Glasuren von Clay & Tao werden von einem unabhängigen Labor auf 27 Elemente getestet. Die Ergebnisse sind auf Anfrage erhältlich.

Next
Next

Warum regelmäßige Praxis entscheidend ist, um besser zu töpfern