Auf der Welle des Tao reiten – Grundbegriffe des Taoismus
Was nun folgt, spiegelt die Lehren wider, die ich an der Ming Shan (Bullet, VD) – und ist eine Einleitung, die ich vor jeder Beratung vorbringe.
Eine empirische Methode
Die Chinesen gehörten zu den ersten sesshaften Agrargesellschaften und betrieben bereits in der Jungsteinzeit Landwirtschaft. Um zu überleben, entwickelten sie eine empirische Methode, um die Welt zu verstehen: Sie beobachteten, experimentierten, hielten ihre Erkenntnisse fest und verfeinerten ihr Wissen, um nur das beizubehalten, was sich als wirksam erwies. Diesen Prozess wiederholten sie über Jahrtausende hinweg.
Die Erkenntnisse, die im Laufe jahrtausendelanger Forschung gewonnen wurden, stehen uns auch heute noch als Lehrmaterial zur Verfügung. Im Westen wandten die Bauern ähnliche Methoden an. Der einfache „Beweis“ für ihre Wirksamkeit liegt darin, dass sich diese Praktiken über die Zeit hinweg bewährt haben. Unsere Großeltern und Urgroßeltern hatten keine Zeit, sich mit wirkungslosen „Esoterik“-Ideen aufzuhalten – wenn etwas nicht funktionierte, wurde es nicht weitergegeben. Nur Wissen, das wirklich nützlich war, hat sich erhalten, auch wenn dabei vieles verloren gegangen ist.
Ihre Ontologie (d. h. ihre Art, in der Welt zu existieren) wird oft als Analogismus beschrieben: Sie erkannten Ähnlichkeiten zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos und leiteten aus diesen Entsprechungen Regeln ab. Ein chinesisches Sprichwort bringt diese Weltanschauung auf den Punkt:
„Der Mensch ahmt die Erde nach, die Erde ahmt den Himmel nach, der Himmel ahmt das Tao nach, und das Tao ahmt die Natur nach.“
Werfen wir einen kurzen Blick auf einige der Grundprinzipien des Taoismus.
Das Symbol von Yin und Yang
Das Yin-Yang-Symbol ist nicht nur ein schönes Motiv für ein Tattoo – es ist das Ergebnis sorgfältiger Beobachtung der Sonne. Die Chinesen nutzten einen Gnomon (einen senkrecht in den Boden gesteckten Stock), um die Bewegung der Schatten im Laufe des Tages und der Jahreszeiten zu messen.
Ausgehend von diesen Beobachtungen und dank ihrer analogistischen Weisheit entwickelten sie das Konzept der Dualität, das im Yin-Yang-Symbol zum Ausdruck kommt: Schatten und Licht, Nacht und Tag, Ruhe und Aktivität.
Innerhalb des Symbols trägt jede Seite den Keim der anderen in sich. Wenn Yin seinen Höhepunkt erreicht, verwandelt es sich in Yang; wenn Yang seinen Höhepunkt erreicht, weicht es dem Yin. Sie sind untrennbar miteinander verbunden, zwei Seiten derselben Medaille, wobei jede die andere definiert und in sich trägt.
Vor allem aber ist es im Taoismus das Wechselspiel der Gegensätze, das Bewegung erzeugt. Yin und Yang sind keine statischen Gegensätze, sondern dynamische Kräfte, die sich ständig abwechseln. Durch dieses unaufhörliche Wechselspiel fließt das Leben, entfalten sich die Zyklen, und das Tao drückt sich in ständiger Wandlung aus.
Die fünf Elemente
Zwischen dem 5. und 3. Jahrhundert v. Chr. entwickelten die Taoisten das System der fünf Elemente als Klassifizierungsrahmen – ein wesentliches Instrument ihrer analogistischen Weltanschauung. Die fünf Elemente sind Feuer, Erde, Metall, Wasser und Holz.
Zusammen bilden sie ein homöostatisches System: eine sich selbst regulierende Struktur, die das Gleichgewicht aufrechterhält.
Der Kreislauf der Schöpfung (Entstehung):
Feuer erzeugt Erde, Erde erzeugt Metall, Metall erzeugt Wasser, Wasser erzeugt Holz und Holz erzeugt Feuer.
Dieser Kreislauf wirkt wie ein Beschleuniger des Systems – er treibt Wachstum, Wandel und Erneuerung voran.Der Kreislauf der gegenseitigen Beeinflussung (Regulierung):
Wasser beherrscht Feuer, Feuer beherrscht Metall, Metall beherrscht Holz, Holz beherrscht Erde und Erde beherrscht Wasser.
Dieser Kreislauf wirkt wie eine Bremse – er verhindert Übermaß, stellt das Gleichgewicht wieder her und sorgt dafür, dass kein Element die anderen überwältigt.
Gäbe es nur den Schöpfungszyklus, wäre das so, als würde man ein Auto fahren, das nur über ein Gaspedal verfügt: Das System würde außer Kontrolle geraten. Der Regelkreis fungiert als notwendiges Gegengewicht und sorgt für Harmonie und Stabilität.
Hier finden Sie eine Zusammenfassung der einzelnen Elemente in ihrem saisonalen und symbolischen Kontext:
Wasser (Winter)
Nord. Der Beginn des Zyklus. Abwärtsbewegung, Tiefe, Stille, Potenzial, in der Stille verborgene Kreativität.Holz (Frühling)
Ost. Ausdehnung und Wachstum. Der Übergang vom Unsichtbaren zum Sichtbaren. Kreativität, Vision, Neuanfang.Feuer (Sommer) –
-Süd. Aufsteigende Bewegung. Erleuchtung, Freude, Lebenskraft, der Höhepunkt der Manifestation.Erde (Zwischen den Jahreszeiten)
Zentrum. Transformation und Nahrung. Reflexion, Aufnahme, Integration, Stabilisierung.Metall (Herbst)
West. Zusammenziehen und Rückzug ins Innere. Loslassen, Reinigung, Vertrauen in den Kreislauf des Lebens.
Das „3 Lucks“-System
Im taoistischen Denken entfaltet sich das Leben durch drei Arten von Glück oder „Schicksal“, von denen jede unseren Weg auf unterschiedliche Weise prägt:
Die Chance der Erde
Hier bist du geboren– deine Familie, dein Land, dein Umfeld. Es ist nicht leicht, dies zu ändern, denn es hängt von Umständen ab, die du dir nicht ausgesucht hast. Wo wir im Leben starten, legt bestimmte Rahmenbedingungen fest, und manche davon sind weniger flexibel als andere.Die Chance des Menschen
Das ist alles, was wir tun, um uns selbst näherzukommen– die Handlungen, Praktiken und Entscheidungen, die uns Wachstum ermöglichen. Dazu gehört zum Beispiel auch eine Bazi-Beratung. Doch diese Chance ist nicht unbegrenzt: Irgendwann müssen wir demütig akzeptieren, dass wir nur begrenzt viel bewirken können, und unsere Grenzen respektieren.Das Schicksal des Himmels
Dies sind die Dinge, die du nicht beeinflussen kannst. Ein Lottogewinn, eine „zufällige“ Begegnung oder plötzliche Wendungen des Schicksals gehören alle hierher. Du kannst es zwar fördern – durch positive Maßnahmen, wie zum Beispiel die Erforschung deines Qimen-Wächters –, aber letztendlich entscheidet der Himmel.
Zusammen bilden diese drei Elemente den Rahmen des Lebens: den Boden, auf dem wir stehen, die Handlungen, die wir vollziehen, und den geheimnisvollen Lauf des Schicksals.
Warum taoistische Prinzipien im Alltag wichtig sind
Die Prinzipien des Taoismus sollen nicht in Büchern oder Tempeln verharren – sie sind dazu da, gelebt zu werden. Sie erinnern uns daran, dass das Leben nichts ist, was es zu bezwingen gilt, sondern etwas, mit dem man im Einklang leben sollte. Indem wir das Gleichgewicht von Yin und Yang, die Zyklen der fünf Elemente und das Prinzip der drei Chancen beachten, gewinnen wir die Einsicht, wann wir handeln, wann wir akzeptieren und wann wir einfach vertrauen sollten.
Diese Werkzeuge versprechen keine Perfektion. Was sie bieten, ist etwas weitaus Wertvolleres: eine Möglichkeit, mit weniger Widerstand, mehr Klarheit und tieferer Harmonie durchs Leben zu gehen – mit der Natur, mit uns selbst und mit dem Rhythmus der Zeit.
Arts du Tao, Grundprinzipien, 2023, Fabrice Jordan & Sarah Blanc